Jan Kilian - Pfarrer Dichter Emigrant

 

 

geboren am 22.03.1811 in Döhlen bei Bautzen

†  gestorben am 12.09.1884 in Serbin/Texas

 

 

Im Folgenden lesen Sie einen Auszug aus der Festschrift von Trudla Malinkowa zum
200. Geburtstag von Jan Kilian

 

Jan Kilian wurde am 22. März 1811 in Döhlen bei Hochkirch geboren. Er war das erste Kind des Nahrungsbesitzers Peter Kilian und dessen Ehefrau Maria, geboren Mättig aus Hochkirch. Als er zwei Jahre alt war, starb seine erst wenige Wochen alte Schwester und

bald darauf auch die Mutter. Der Vater heiratete daraufhin eine Witwe aus Meschwitz, starb aber bereits 1821,

also nur einige Jahre später. Des verwaisten Jungen nahm sich nun besonders die Familie der Mutter an,

zu der angesehene und wohlhabende Mühlenbesitzer in der Hochkircher Gegend hören. Man ermöglichte ihm den Besuch des Bautzener Gymnasiums und das Studium der Theologie in Leipzig. Nach Abschluss des Studiums wurde er 1834 Hilfsprediger bei Pfarrer Möhn in seiner Heimatgemeinde Hochkirch.

 

Bereits in jungen Jahren zeigte sich, dass Jan Kilian Wert auf seine sorbische Nationalität und den lutherischen Glaube legte. So sammelte er in Bautzen sorbische Gymnasiasten um sich, mit denen gemeinsam er sich dem Studium der Muttersprache widmete. In Leipzig trat er jedoch nicht – wie allgemein unter sorbischen Studenten üblich – der Wendischen Predigergesellschaft bei, sondern schloss sich einer Gruppe religiös erweckter deutscher Studenten an. Als Jugendlicher hatte er das Gelöbnis abgelegt, sein Leben der Heidenmission zu widmen. Um dieses Gelöbnis einzulösen, begab er sich 1837 nach Basel an die Missionsanstalt St. Chrischona. Als aber bald darauf sein Onkel, Pfarrer Michael Kilian in Kotitz bei Weißenberg starb, kehrte er in die Lausitz zurück und wurde dessen Nachfolger in Kotitz.

Die Kleinheit der Kirchgemeinde – zu ihr gehörte außer Kotitz nur noch das Nachbardorf Särka – ermöglichte dem jungen Geistlichen, sich neben seinen Amtsgeschäften persönlichen Interessen zu widmen. Kilian griff im Dienste der Verbreitung der lutherischen Lehre unter den Sorben zur Feder. Im Laufe weniger Jahre gab er eine Reihe sorbischer Bücher heraus, vor allem Übersetzungen deutscher religiöser Schriften. Einige waren so schnell vergriffen, dass bald Neuauflagen notwendig wurden. In Kotitz entwickelte er sich auch zu einem meisterhaften und fruchtbaren Choraldichter. 1846 erschien eine Sammlung seiner Kirchenlieder, für die er teilweise auch die Melodien komponiert hatte. Das Büchlein wurde jahrzehntelang in einige sorbischen Schulen als Lehrbuch genutzt und wiederholt aufgelegt. Mit seinen mehr als einhundert Chorälen gehört Jan Kilian zu den herausragenden Dichtern der evangelischen Sorben. In seinen Werken appellierte er nachdrücklich an seine sorbischen Landsleute, der Väter Sprache und Glauben zu bewahren.

 

(Download eines handschriftlichen Briefes mit Siegel von Jan Kilian - Siehe Dateien am Textende)

 

 

 

 Das ehemalige Kilian'sche Gehöft in Döhlen, in der Mitte das Geburtshaus von Jan Kilian

 

In Kotitz wurde Jan Kilian zum weitbekannten Prediger. Aus der ganzen Gegend, sogar aus dem benachbarten Preußen, zogen seine kraftvollen Predigten die Kirchgänger an, viele suchten auch seinen Rat in religiösen Angelegenheiten. Noch unter Friedrich Wilhelm III. war in Preußen die Vereinigung der lutherischen und reformierten zu einer unierten Kirche befohlen worden. Die frommen Sorben waren sich nicht sicher, ob sie sich der Union anschließen oder ob sie sich – wie dies schon in anderen Gegenden Preußens geschehen war – von der Staatskirche trennen sollten. Jan Kilian riet zu Separation. Er nahm die Verbindung zu den Altlutheranern in Schlesien auf und übersetzte deren Schriften ins Sorbische. Daraufhin wurde 1843 die altlutherische Gemeinde Weigersdorf/Klitten gegründet. Niemand unter den sorbischen Geistlichen aber war bereit, die Separationsgemeinde zu übernehmen. So fühlte sich schließlich Jan Kilian genötigt, Kotitz zu verlassen und 1848 Pfarrer in Weigersdorf zu werden. Im selben Jahr heiratete er Maria Gröschel aus Särka, eine sorbische Bauerntochter aus der Kotitzer Kirchgemeinde. Sie blieb ihm über 32 Jahre eine treue Lebensgefährtin. Vier Kinder wurden dem Paar während der Weigersdorfer Zeit geboren, von denen drei sehr bald verstarben.

                         Kirche und Pfarrhaus
in Weigersdorf nach 1852

 

Die Arbeit in der altlutherischen Gemeinde war beschwerlich. Kilian hatte mehr als 1200 Seelen zu betreuen, die nahezu über die gesamte preußische Lausitz verstreut lebten. Jeden dritten Monat begab er sich auf eine dreiwöchige Reise ins Muskauer, Spremberger und Cottbuser Gebiet bis hin nach Lübbenau im Spreewald.

Von Beginn an herrschte in der Gemeinde Geldnot. Die Gemeindeglieder, die sich kärglich auf dem sandigen Boden der Lausitzer Heide ernährten, mussten aus eigenen Mitteln zwei neue Kirchen, Pfarrhaus und Schule errichten und dem Pfarrer und Lehrer regelmäßig Gehalt zahlen. Dafür nahmen sie große Schulden auf sich. Zudem erschwerten noch weitere Probleme das Leben der Kirchgemeinde. Laufend hatte sich Jan Kilian mit den benachbarten Pfarrern auseinanderzusetzen, die nicht gewillt waren, die Altlutheraner anzuerkennen. Seine Gemeindeglieder waren als „Mucker“ verschrien, wurden in ihren Dörfern als Sonderlinge betrachtet und von anderen Dorfbewohnern abgelehnt. Es kam sogar vor, dass sie auf dem Heimweg aus der Kirche beschimpft und geschlagen wurden.

Bereits nach kurzer Zeit in Weigersdorf war Jan Kilian erschöpft. An schriftstellerische und dichterische Tätigkeit war nicht mehr zu denken und seine sorbischen Freund – unter ihnen der Verleger Schmaler in Bautzen, der Dichterpfarrer Seiler in Lohsa und andere führende Sorben – mit denen er bisher in freundschaftlicher Zusammenarbeit verbunden war, gingen auf Distanz und übten an ihm öffentliche Kritik. Es schien nur einen Ausweg aus den Konflikten zu geben: die Auswanderung nach Übersee.

 

 
Auswanderer auf einem Zwischendeck eines Segelschiffes im 19. Jahrhundert (Künstler unbekannt)

 

Im Jahre 1853 begaben sich die ersten Familien aus der altlutherischen Gemeinde nach Texas. Ihre lobenden Briefe führten dazu, dass ihnen ein Jahr später mehrere Hundert Sorben folgten. Ein eigens dafür gegründeter Auswandererverein regelte alle Angelegenheiten. Jan Kilian wurde gebeten, als Pfarrer der Auswanderer mit ihnen zu ziehen. Er willigte ein.

Im September 1854 traten 531 Sorben mit einem Sonderzug von Bautzen nach Hamburg ihre Reise an. Per Schiff und Eisenbahn gelangten sie weiter ins englische Liverpool, wo das große Segelschiff „Ben Nevis“ für sie bereitlag. Die Überfahrt über den Atlantik verlief tragisch. 81 Auswanderer starben unterwegs an einer Choleraepedemie und weiteren Krankheiten.

Im Frühjahr 1855 gelang es, ein großes Stück Land zu kaufen und darauf eine sorbische Kolonie zu gründen. Abgeleitet von der Nationalität ihrer Bewohner verlieh ihr Kilian den Name Serbin. Unter großen Opfern und ungewohnten klimatischen Bedingungen rodeten die Siedler Wald, pflügten Neuland und schufen sich so nach und nach ihre Lebensgrundlagen in der neuen Heimat. Gemeinsam errichtete man Kirche, Schule und Pfarrhaus. Zugleich wurde ein Friedhof angelegt, auf dem Kilian als Erste seine neugeborene Tochter beerdigen musste.

 

Im selben Jahr trat Kilian auch der Missouri-Synode bei, einer deutschen lutherischen Kirche, die von frommen Auswanderern aus Sachsen im Staate Missouri gegründet worden war.

 

In seiner Serbiner Gemeinde hatte er umfangreiche Arbeiten zu bewältigen. Viele Jahre war er nicht nur als Pfarrer, sondern auch als Schullehrer tätig. Oft war er zudem zu Pferde in entferntere Siedlungen unterwegs, wo man seine Dienste benötigte. Wirtschaftliche Angelegenheiten und die Sorge um die eigene Familie, in die in Texas noch vier Kinder geboren wurden, überließ er weitgehend seiner Ehefrau.

 

Auch in der neuen Heimat war Kilian kein geruhsames Leben vergönnt. Kaum waren in Serbin die wichtigsten Lebensfragen gelöst, kam es zu Auseinandersetzungen. Bereits drei Jahre nach der Ansiedlung, 1858, trennte sich aufgrund unterschiedlicher Glaubensauffassungen eine Gruppe von der Gemeinde. Zwar wurde diese Spaltung nach wenigen Jahren überwunden, aber dem Glaubens- folgte bald ein Nationalitätenkonflikt. In der Umgebung von Serbin hatten sich Deutsche angesiedelt, die nun, mit Unterstützung einiger Sorben, in der sorbischen Siedlung mehr und mehr deutsche Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen forderten. Dagegen sträubten sich Jan Kilian und seine Anhänger, war im Jahre 1870 zu einer Spaltung in eine überwiegend deutsche St. Peter- und eine überwiegend sorbische St. Paulsgemeinde führte. Auch andere sorbische Siedlungen in der Umgebung strebten die Loslösung von Serbin und die Gründung eigener Gemeinden an. In all diesen Konflikten suche Kilian Unterstützung bei seiner Kirchenobrigkeit in Missouri. Enttäuscht musste er aber feststellen, dass diese eher seine Gegner unterstützte.

 

Angesichts der vielen Schwierigkeiten sehnte sich Jan Kilian in die Lausitz zurück. Seine Gemeinde aber wollte er nicht verlassen, ohne einen sorbischen Nachfolger gefunden zu haben. Er hoffte darauf, dass ein junger sorbischer Pfarrer aus der Lausitz nach Serbin kommen würde, so dass er in die alte Heimat zurückkehren könnte. Seine Hoffnung erfüllte sich aber nicht. Am Ende seines Lebens stellte er sich oft die Frage, ob der Weg, den er mit der Gründung der altlutherischen Gemeinde in Weigersdorf beschritten hatte und der von ihm und anderen so viele Opfer gefordert hatte, der richtige gewesen war. Am 12. September 1884 starb Jan Kilian. Seine Söhne führten die Arbeit in Serbin fort. Gerhard Kilian als Lehrer und Hermann Kilian als Pfarrer.

 

 Denkmal in Kotitz

 

Jan Kilians wird noch heute mit Ehrfurcht gedacht. Für die Nachfahren der Sorben in Texas ist er der sorbische Moses, der sein Volk aus der europäischen Unterdrückung übers Meer in die Freiheit Amerikas führte. In die Kirchengeschichte ging er ein als Begründer altlutherischer Gemeinden im Sorbenland, als geistlicher Führer der letzten großen Auswanderung der Altlutheraner aus Preußen und als Vater der Missouri-Synode in Texas. In der Lausitz ist er unter evangelischen wie katholischen Sorben als wortgewaltiger Dichter geistlicher Lieder und Choräle bekannt.

 

Für sein Ziel, der Sorben Sprache und Glauben zu bewahren, hat Jan Kilian mit unerschütterlicher Konsequenz große Opfer auf sich genommen. Sein Biograf Otto Lehmann bezeichnete ihn als „einen der treuesten und bedeutendsten Sorben, die es je gegeben hat“.

 

 

 

 

 

Im Domowina-Verlag ist das Buch "Ufer der Hoffnung" zur Geschichte der sorbischen Auswanderer von

Trudla Malinkowa erschienen